Meine erste MPU: Zu wenig Einsicht?

Inhalt

Meine Vorgeschichte

Nachdem ich in letzter Zeit eher über die schönen Dinge des Lebens, wie Musik oder Sport berichten durfte, kommt nun mal wieder ein etwas ernsterer Beitrag.

Eigentlich hatte ich gar keine Lust mehr dazu, aber unser pflichtbewusster “Michel” hat mich dann doch überzeugt, dass wir uns die Mühe machen sollten und über die unangenehme Sache mit der MPU noch etwas weiter berichten.

Neben dem Projektleiter haben mich dabei wieder die seit dem letzten Blog bekannten Verdächtigen beraten.

Unser “Micha” hat sich bemüht, die wissenschaftliche Korrektheit und neutrale Darstellung des Sachverhalts zu gewährleisten. Zum Glück, denn sonst hätten mich meine Emotionen an einigen Stellen sicherlich zu möglicherweise ungerechten Aussagen verführt.

Künstler “Michi” wollte nach dem doch eher tristen ersten Teil wieder etwas mehr Farbe, Liebe und Humor in den Beitrag bringen:

Und unser Geschäftsmann “Mike” schlug nur die Hände über den Kopf zusammen und meinte dass sich der ganze Aufwand für uns niemals rechnen wird.

Trotzdem hat er versprochen, darüber nachzudenken, wie man am Ende vielleicht wenigstens noch etwas von den aufgelaufenen Kosten zurückbekommen könnte:

Aber jetzt erst mal zurück zur Geschichte: Ich hatte ja noch kurz mit der Verkehrspsychologin Frau R. telefoniert, die mir dann empfiehlt, erst ein paar Erfahrungen mit der MPU bei “TÜV Süd” zu sammeln und nachdem ich dann dort durchgefallen bin, bei ihr eine richtige Vorbereitung auf die zweite Maßnahme machen solle.

Einen Tag vor dem Test, am 21. März 2022, ist mal wieder Chorprobe, wo mir (wegen der Aufregung?) meine (nicht versicherte!) Brille auf den Boden fällt. Das kurz darauf entstandene Eigenbild dokumentiert ganz gut, dass ich an dem Abend offensichtlich etwas “durch den Wind” war:

Als wir nach der Probe noch auf ein (alkoholfreies) “Rennbier” in die Kneipe gehen, treffen wir dort zufällig eine Bekannte eines Chor-Kollegen und wie es der “Zufall” will, ist diese Verkehrspsychologin.

Nachdem ich ihr in groben Zügen meinen Fall geschildert habe, weist sie mich darauf hin, dass mein Schicksal wirklich sehr “speziell” sei. Laut Statistik wird nämlich von 600 Trunkenheitsfahrten nur eine einzige entdeckt. Also wäre aus “wissenschaftlicher” Sicht zu erwarten, dass auch bei mir noch viel mehr Fahrten unter Alkohol stattgefunden haben:

Das Gespräch bleibt sehr kurz, weil sich die Frau verständlicherweise nicht auch noch in ihrer Freizeit mit solchen Fragen belasten will. Zum Abschied gibt sie mir aber noch einen Rat mit, nämlich dass ich auf alle Fälle bei der MPU viel Einsicht zeigen solle.

Meine Konsumkurve

Ganz im Sinne der Einsicht, versuche ich im Folgenden mal “kurz” meinen Alkohol Lebenslauf zu beschreiben, um danach die Argumentation von TÜV Süd und mir besser verstehen zu können. Bei der späteren Vorbereitung bei Frau R. werde ich dann lernen, dass so etwas in der Verkehrspychologie auch “Konsumkurve” genannt wird.

Damit ich dabei auch juristisch abgesichert bin, hat “Michl” an einigen Stellen extra ein paar falsche Informationen hineingeschmuggelt. Natürlich hat “Micha” aber dafür gesorgt, dass dadurch der logische Ablauf der Geschichte nicht beeinträchtigt wird. Und damit das Ganze nicht ganz so bierernst rüberkommt, wollte “Michi” unbedingt noch, dass ich einen kleinen schuldbewussten Vampir in die Kurve zeichne:

1971 (0) Muttermilch: In Bayern saugt man ja Bier bereits mit der Muttermilch ein. Ob das bei mir auch der Fall war kann ich aber nicht mit Sicherheit sagen.

1976 (5) Fahrrad: Ich bekomme endlich mein heiß-ersehntes Zweirad.

Schon bei der ersten Testfahrt stellt sich heraus, dass ich ein echtes Naturtalent bin und in meinem Fall die Stützräder nicht nötig sind.

1982 (11) Trostbier: So richtig offiziell konsumiere ich Alkohol in Form von Radlermaßen nach (selten) gewonnenen oder (öfters) unglücklich verlorenen Fußballspielen in der C-Jugend. Wenn an heißen Tagen großzügige Spender da sind, kann die Trinkmenge hier schon mal bis zu 0,5 Maß betragen.

1986 (16) Experimentierbier: Ich treffe mich an Wochenenden regelmäßig mit meiner “Fußball-Klicke” im Nachbarort zum “Fetz”. Wir hören auf einer guten Sony-Anlage aktuelle Hits von Roxette und ich mache weitere Erfahrungen mit den verschiedensten Formen von Alkohol. Insbesondere Liköre wie “Berentzen” oder “Batida de Côco” führen die aktuelle Top-Ten an, wobei mir persönlich diese Getränke immer etwas zu süß sind.

Erste Fälle von Übelkeit und Erbrechen treten auf.

Auf einer Veranstaltung vom Schützenverein teste ich dann verschiedene Biermischgetränke wie “Geißen-” oder “Laternenmaßen”.

Im Gegensatz zu einem Kollegen, der mit dem Mofa angereist ist, fahre ich an dem Abend ohne Probleme mit dem Fahrrad nach Hause.

1989 (18) Auto: Ich erhalte von der Behörde endlich meinen Führerschein und von meiner Oma einen Ford Fiesta. Damit kutschiere ich unsere “Fußball-Klicke” regelmäßig in die Disko nach “Deisenhofen” oder auf Konzerte von “Hobbits” oder “Härte 10”.

Als verantwortungsbewusster Fahrer mit Vorbildfunktion für die etwas Jüngeren trinke ich bei solchen Gelegenheiten natürlich keinen Alkohol.

1989 (18) Kartenbier: Ich treffe mich regelmäßig mit meiner “Schul-Klicke” in einer kleinen Brauerei zum Schafkopfen und konsumiere am Abend 2-5 Halbe leckeres “Ökobier”.

Meine Spiele werden im Verlauf solcher Abende risikofreudiger und meist auch weniger erfolgreich.

Wenn ich Fahrer bin, trinke ich maximal ein Bier.

 1992 (21) Bergbier: Ich beginne mein Informatik Studium in Erlangen. Dort findet jährlich das Bergkirchweih Volksfest statt, wo ich mit meiner “Uni-Klicke” bei viel Live-Musik aus ganz besonderen Steinkrügen 2-3 Maß Bier konsumiere. Anschließend tanze ich im “Bergwerk” dann noch auf drei Ebenen, trinke weitere 1-2 Halbe Bier aus Plastikbechern und zum Sonnenaufgang wird im “Schwarzen Ritter” noch gefrühstückt und die allerletzte Halbe bestellt.

1994 (24) Studentenfeier: Auf einer großen Party beim “Rommelheim” trinke ich über mein persönliches Limit und will bei aufgehender Sonne mit dem Fahrrad ins Wohnheim zurück radeln.

Als ich dabei an einen Pfosten hängenbleibe, geht meine Brille zu Bruch.

 1998 (27): Gipfelbier: Mein Studium ist abgeschlossen und das Arbeitsleben beginnt. Auf vielen langen Gebirgs-Touren mit Arbeitskollegen konsumiere ich in den Pausen eine und an gemütlichen Abenden zwei bis fünf Halbe Bier.

Alkoholbedingt kommt es niemals zu einen Absturz.

2006 (35) Feierabendbier: Oft fühle mich durch die Arbeit gestresst und zum “Runterkommen” trinke ich am Abend alle 1-2 Tage eine Halbe. An den Wochenenden können das auch mal 3-5 Bier werden. Vor allem, wenn ich mich bei Computerspielen wie “Civilization” für einige Stunden von der anstrengenden Wirklichkeit verabschiede.

Die Abende verbringe ich fast ausschließlich zuhause, also stellt sich die Frage nach Alkohol und Verkehr hier nicht.

  2015 (44) Bundesstraße: Weil ich vorhabe, auf einer Betriebsfeier mal wieder ordentlich zu feiern, fahre ich extra mit dem Fahrrad über Feldwege zu der Veranstaltung. Von etwa 16:00-21:00 konsumiere ich 5-7 Halbe Bier.

Die Feier gestaltet sich wie erwartet und ich laufe rhetorisch zur absoluten Höchstform auf. Irgendwie vergesse ich dabei die Zeit und es wird dunkel.

Als ich zurückradeln will, nehme ich die falsche Abzweigung und lande auf einer vierspurigen Bundesstraße, wo mich eine Autofahrerin auf dem Standstreifen fahrend sieht.

Die pflichtbewusste Frau ruft dann die Polizei an, welche mich dann 100 Meter vor der Ausfahrt anhält und ins Krankenhaus zur Blutabnahme bringt, wo 1,35 Promille Blutalkohol festgestellt werden.

Für diese […] Aktion bekomme ich eine Anzeige und muss 2.000 Euro Strafe zahlen.

2015 (44) Kneipenbier: Ich ziehe nach Tübingen. Weil ich gerade wieder solo bin, will ich die “große” Stadt nutzen, um an Wochenenden in Kneipen Frauen kennenzulernen und meine “Kneipen-Zeit” beginnt. Weil ich fast immer alleine unterwegs bin, sitze ich meist am Tresen und ja nach Tagesform konsumiere ich dort 3-7 Halbe Bier.

Als vernünftiger Mensch lasse ich bei solchen Aktionen das Auto natürlich immer stehen.

2015 (44) Taxi: Weil ich über die “Ausbeute” meiner Tübinger Kneipengänge eher frustriert bin, nehme ich das freundliche Angebot (“Das kriegen wir hin”) eines Taxi-Fahrers an, der mich dann zum ersten Mal in die schwäbische Hauptstadt fährt und somit meine “Stuttgarter-Zeit” einläutet.

Über die Jahre führt das zu nicht unerheblichen Folgekosten.

2015 (44) Krankenwagen: An einem besonders wilden Wochenende reiße ich wieder knapp mein persönliches Limit und beschließe zu Fuß nach heimzulaufen. Dabei werfe ich mich direkt vor einen heranfahrenden Krankenwagen, welcher mich anschließend direkt in die Tübinger Psychiatrie fährt.

Weil meine eigene Hose nicht mehr “tragbar” ist , bekomme ich vom Krankenhaus eine coole Ersatzhose gestellt, die ich bei der Entlassung am nächsten Morgen den beiden Ärztinnen in einer kurzen Modenschau präsentiere.

Die Jüngere der beiden findet meine Vorstellung sehr witzig, wohingegen die Ältere in würdevoller Strenge Contenance wahrt.

2019 (48) Stressbier (Teil 1): Weil mir meine Firma eine Arbeitszeitreduzierung verwehrt, kündige ich schweren Herzens und das Leben konzentriert sich auf Tübingen. Einen Monat später “vermittelt” mir einer meiner Taxifahrer eine neue Freundin. Diese führt zu weiteren Komplikationen und Spannungen und nach einer wilden Party-Nacht mit doppeltem Filmriss eskalieren diese zu einer heftigen Auseinandersetzung, wo ein Nachbar in der Folge die Polizei ruft:

Ich gerate in eine hitzige Diskussion mit der Staatsgewalt und beleidige dabei im Eifer des Gefechts einen jungen Kollegen.

Dies führt am Ende zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit erheblichen Folgekosten.

In dem Verfahren wird mir von der Polizei eine “volle Steuerungsfähigkeit” attestiert und bei der Ermittlung der Strafhöhe wird von der Richterin angenommen, dass sich der Vorfall auch ohne Alkohol genauso abgespielt hätte.

2021 (50) Stressbier (Teil 2): Mein Hunsrücker Bauprojekt mit DFH, KfW und fragwürdigen Beratern stresst mich ungemein. Um wenigstens ab und zu den ganzen Ärger aus den Kopf zu bekommen, betäube ich mich zuhause immer wieder mit bis zu 6 Halbe Bier.

2021 (50) Motorrad: Nachdem ich mich Jahrzehnte immer wieder mit dem Gedanken getragen habe, auch Erfahrungen mit dem motorisierten Zweirädern zu machen, ist es jetzt endlich so weit und ich bestehe die Prüfung.

2021 (50) Unfall: Es ist schon Oktober und vor dem Winter will ich wenigstens noch eine kleine Spritztour machen. Auf einer mir vertrauten Skihütte in Österreich übernachte ich dann und gerate unbeabsichtigt in eine wilde “Abschussparty” der Wirtsleute.

Ich lasse mich von den Männern zu einem kleinen Trinkwettbewerb herausfordern. Mit meinen 60 Kilogramm habe ich gegen die mächtigen Gebirgskerle zwar schlechte Karten aber dabei sein ist alles, oder? Ich schaffe es zumindest, mich kurz nach Mitternacht mit Würde von der Truppe zu verabschieden.

Einem Großteil der Alkoholmenge kann ich (zum Glück) kurz darauf wieder loswerden. Deshalb hält sich am nächsten Morgen mein Kater wenigstens halbwegs im Rahmen. Weil ich noch einen Termin habe, fahre ich etwas zu früh los und gerate nach einem Überholvorgang in einen Unfall.

Das Gerät der Polizei zeigt 0,31 mg/l Atemalkohol (entspricht etwa 0,6 Promille) an.

Das Landratsamt ordnet in der Folge die kostspielige MPU an.

2022 (50) Freibier: Nachdem mir klar wird, dass eine MPU in Baden-Württemberg eine sehr ernste Angelegenheit ist, setze ich ab dem 2.2.2022 auf alkoholfreies Bier.

Mein Plan

Weil das Trinken von Alkohol in Deutschland schließlich nicht verboten ist, hoffe ich, dass es ausreichend sein wird, wenn ich bei meinem bevorstehenden “Verhör” erklären kann, dass ich in der Lage bin, Alkohol und Fahren sauber zu trennen.

Ich gehe davon aus, dass ich das bis auf die speziellen zwei Vorfälle für mich in Anspruch nehmen kann, weil:

  • Ich habe immer meine “Ein-Bier-Regel” eingehalten
  • Ansonsten bin ich immer entweder zu Fuß gelaufen oder mit Bus oder Taxi gefahren

Außerdem will ich darlegen, dass ich trotz meines zum Teil hohem Konsums kein Alkoholiker bin. Meine Argumentation war hier immer, dass ich das “Bayerische Biergen” geerbt habe.

Um obige Aussagen zu belegen, will ich die unterschriebenen Aussagen von zwei Freund:innen mitbringen, die mich seit vielen Jahren gut kennen:

Außerdem überlege mir noch neue Maßnahmen, um in Zukunft auch die beschriebenen zwei Ausnahmefälle zu vermeiden, die durch die “Ein-Bier-Regel” ja leider nicht abgedeckt waren.

Als generelle Verschärfung will meine bestehende “Ein-Bier-Regel” noch durch eine striktere neue “Null-Promille-Regel” für Kraftfahrzeuge ersetzen.

Und schließlich will ich noch eine neue “24-Stunden-Regel” etablieren, die zumindest eine Wiederholung des Vorfalls mit dem Motorrad verhindern soll:

  • Nach einer feuchtfröhlichen Feier wird in Zukunft mindestens 24 Stunden gewartet, bis wieder am Straßenverkehr teilgenommen werden kann.

Was den Fahrrad Zwischenfall angeht, bin ich noch unsicher. Eigentlich finde ich immer noch, dass mein Plan, auf Feldwegen zurückzufahren, nicht so schlecht war.

Vielleicht war das Ganze ja einfach nur ein extrem seltener Fall von “ganz blöd gelaufen”, der hoffentlich nie wieder vorkommt ?

Meine MPU

In der Nacht vor der Maßnahme bin ich so nervös, dass ich keine einzige Minute Schlaf bekomme. Um 7:20 stehe ich dann schließlich frustriert auf und mache noch einen Soundcheck für eine mögliche Aufnahme der MPU-Sitzung:

Ich hatte nämlich im Internet gelesen, dass man zur Sicherheit fragen sollte, ob eine Aufzeichnung möglich ist.

Mit dem Bus fahre ich dann wieder zum bunten Epplehaus, welches zu dieser Urzeit noch im Schatten liegt:

Pünktlich, wie die Handwerker, mit denen ich im Flur noch ein paar Minuten lang quatsche, …

… betrete ich dann um 8:30 die Räume vom TÜV Süd:

Insgesamt besteht die MPU dann aus drei Teilen, die ich dann (so weit ich mich erinnere) in folgender Reihenfolge absolviere:

  • Gespräch mit der Psychologin
  • Ärztliche Untersuchung
  • Physiologischer Leistungstest

Im Wartezimmer empfängt mich aber erst mal ein Bär, der ganz entspannt in der Ecke sitzt und dabei wie der kleine Bruder meines pelzigen Mitbewohners aussieht:

Auch wenn es sich hier wahrscheinlich nur um einen psychologischen “Trick” handelt, damit die Kunden vielleicht etwas entspannter werden, finde ich die Idee eigentlich ganz nett. Vielleicht vergleichbar mit “Michis” kleinem Vampir in meiner Konsumkurve.

Irgendwie scheint die gewünschte Wirkung bei mir aber nicht lange vorzuhalten und ich komme (vielleicht auch wegen des Schlafmangels) ziemlich gestresst im Büro von Frau Dr. S.-B. an. Auch die Psychologin scheint nicht gerade ihren besten Tag zu haben und die Atmosphäre wird sofort sehr frostig und sehr angespannt.

Fast überkorrekt (also im Zweifel lieber ein Bier zu viel als zu wenig) berichte ich ihr dann sämtliche Details meines Alkoholkonsums und die damit verbunden Ereignisse.

Die arme Frau muss alles, was ich sage in ihren Computer eintippen und spricht dazu noch jeden Satz von mir laut nach. Weil ich das als eher störend empfinde, bitte ich sie zumindest Letzteres zu unterlassen. Insgesamt dauert die (wahrscheinlich) für uns beide sehr unangenehme Prozedur etwa 50 Minuten.

Nach der Psychologin geht es zur Ärztin Frau Dr. S., die mir erst mal Blut abnimmt und Blutdruck misst. Danach muss ich u.A. auf einer geraden Linie gehen und im großen Bogen die ausgestreckte Hand erst mit offenen und dann geschlossenen Augen zur Nase führen. Davon habe ich bereits als Kind gehört, als mir von dem “Idiotentest” erzählt wurde.

Anschließend sprechen wir wieder über meine Alkholvergangenheit, was zum Glück aber wesentlich entspannter als im psychologischen Teil verläuft. Sicher liegt es zum Teil auch daran, dass das stressige Mitprotokollieren hier wohl nicht nötig ist. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass bei gutem Gesundheitszustand vor allem die Psychologin die Verantwortung für mein Schicksal trägt. Die Ärztin zeigt teilweise sogar etwas Verständnis für meine Vergangenheit. Zumindest schmunzelt sie einmal, als ich ihr berichte, dass ich Partys ohne Alkohol immer öde fand.

Beim anschließenden Ausfüllen des Fragebogens fällt mir auf, dass ich viele Fehler mache. Offensichtlich hat die schlaflose Nacht doch ihre Spuren hinterlassen und meine Konzentrationsfähigkeit hat dabei gelitten. Ich mache mir Sorgen, dass ich deshalb bei den abschließenden Reaktionstests versagen könnte. Als ich meine Befürchtung äußere, wird mir empfohlen, vorher noch etwas zu frühstücken:

Tatsächlich hilft das dann etwas, trotzdem erreiche ich dann eher schlechte Werte bei den Reaktionsgeschwindigkeiten in den Tests:

Um 12:15 bin ich mit dann mit allem fertig und darf die Einrichtung wieder verlassen:

Insgesamt dauerte die ganze Prozedur vier Stunden, wovon ich etwa 2 1/2 Stunden entweder gewartet oder gefrühstückt habe.

Auf dem Heimweg laufe ich die Neckargasse hoch und sehe vor der Stiftskirche genau an der Stelle, wo ich später meinen Tennislehrer Michi kennenlernen werde, …

… wie ein junger Ire namens “Caleb” gerade sein letztes Lied vorträgt. Als er fertig ist, frage ich ihn, ob er mir vielleicht kurz seine Gitarre kurz ausleihen könnte.

Anschließend habe ich dann meinen allerersten Auftritt als Straßenmusiker und präsentiere mit “Caleb” zusammen das Lied “Streets of London”. Die Botschaft des Songs “Sei keine Heulsuse, denn anderen Menschen geht es noch viel schlechter”, passt ja dann vielleicht auch ganz gut zu meiner aktuellen Situation.

Mein Ergebnis

Trotzdem fühle ich mich dann ein wenig wie ein armes, ungerecht behandeltes Opfer, als genau einen Monat später, am 22. April, das negative Ergebnis der MPU im Philosophenweg eintrifft:

Zur Begründung wird insbesondere “die wenig selbstkritische Reflexionund “keine ausreichende Problemeinsichtangegeben. Was genau das bedeuten soll, erschließt sich mir aber beim ersten Durchlesen zumindest nicht auf Anhieb.

Nachdem ich meinem Anwalt Herrn E. das Schreiben zum Beurteilung geschickt habe, meint dieser, dass er in seinem Leben noch nie eine so schlechte Bewertung in Händen gehalten habe. Wenn ich meinen Führerschein je wieder zurückhaben wolle, sollte ich das Werk besser sicher im Safe verwahren und niemandem zeigen.

Im Sinne der Transparenz habe ich mich jetzt aber trotzdem dazu durchgerungen, das Schreiben zumindest in Teilen zu veröffentlichen. Aber weil das umfangreiche Dokument den Rahmen des Blogs gesprengt hätte, habe ich es ausnahmsweise auf einer separaten Seite ausgelagert:

Weil mir das Gutachten nicht nicht in digitaler Form zugesandt wurde und die Texterkennung meines Scan-Programs versagt hat, musste ich allerdings das meiste händisch abtippen (aua):

Meine Analyse

Nachdem ich mir das 18-seitige Dokument dann genau durchgelesen habe, begreife ich die Begründung für die negative Beurteilung immer noch nicht.

Irgendwie kann (oder will?) mein Informatiker Gehirn nicht verstehen, warum meine doch so logische Argumentation nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt hat. Deshalb schreibe ich eine E-Mail an TÜV-Süd, wo ich versuche meine Gedankengänge nochmal etwas klarer zum formulieren:


Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für die Zusendung Ihres Fahreignungsgutachtens, das ich im Folgenden kommentieren möchte. Ich würde Sie bitten, aufgrund meiner Kommentare Ihr Ergebnis noch einmal zu überdenken.
Die medizinische Untersuchung ergab keine Hinweise auf vermehrten bzw. unkontrollierten Alkoholkonsum in der letzten Zeit vor der Untersuchung
Dem stimme ich zu.
Im Rahmen der verkehrsmedizinischen Untersuchung fanden sich keine Hinweise auf eine Alkoholabhängigkeit
Dem stimme ich zu.
Die von Herrn Holzheu in den Tests gezeigten Leistungen genügen, um sich verkehrsgerecht verhalten zu können.
Dem stimme ich zu.
Herr Holzheu zeigte ein offenes und kooperative Verhalten. Die Angaben sind daher für die Beantwortung der Fragestellung verwertbar.
Dem stimme ich zu.
Auch wenn sich aus den Befunden keine sicheren Hinweise für eine Alkoholabhängigkeit oder eine grundsätzliche Unfähigkeit zur Trinkkontrolle ableiten lassen, sind doch stabile Korrekturen im Trinkverhalten erforderlich.
Dem stimme ich nicht zu: Für das sichere Führen eines Fahrzeugs ist eine Korrektur im Trinkverhalten *nicht zwingend* erforderlich, weil …
Wie berichtet, hatte ich ohne Entzugserscheinungen wochenweise keinen Alkohol getrunken und bis zum heutigen Tag habe ich jetzt bereits 80 Tage abstinent gelebt.
Wie ebenfalls berichtet, habe ich, bis auf die zwei bekannten Fälle, niemals ein Kraftfahrzeug mit über 0,5 Promille Alkohol geführt.
Außerdem habe ich dargelegt, dass ich in Zukunft nur noch mit 0,0 Promille ein Kraftfahrzeug führen werde.
Sehr Kritisch ist weiterhin zu sehen, dass er, nach eigenen Angaben, auch außerhalb des Straßenverkehrs, im Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum, bereits wiederholt Probleme mit der Polizei, Gerichten oder Behörden hatte
“Ich bin so wütend gewesen, habe dann den Polizisten beleidigt”
Dem stimme ich nicht zu: Ohne den Sachverhalt im Detail zu kennen, kann hier keine seriöse Bewertung abgegeben werden, weil …
In der Gerichtsverhandlung vom 19. April wurde mir eine volle Steuerungsfähigkeit attestiert. Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass sich die angesprochenen Vorfälle auch ohne Alkohol genauso abgespielt hätten.
Äußerst negativ ist bei Herrn Holzheu zu werten, dass er trotz bereits zwei aktenkundigen Alkoholfahrten […] noch immer keine klare Problemeinsicht für sich erkannt hat.
“Ich habe erst einmal nichts verändert, habe nicht gedacht, dass etwas auf mich zukommt, auch mit MPU”
Dem stimme ich nicht zu: Ein akutes Problem bezüglich Alkohol und Verkehr lag nicht vor, weil …
Wie bereits mehrfach dargelegt, war meine “Ein Bier Regel” immer noch gültig. Also gab es bezüglich des Verkehrswesens einen akuten Handlungsbedarf, etwas zu ändern.
Auch ist kritisch zu sehen, dass Herr Holzheu nicht ausreichend beschreibt, wie er in Zukunft kontrolliert Alkohol konsumieren möchte.
So kann er den Alkoholkonsum bezüglich der Häufigkeit der Trinksituationen, der Trinkmengen, Art der alkoholischen Getränke und des zeitlichen Verlaufes noch nicht differenziert benennen, um einen Rückfall in alte Trinkgewohnheiten zu vermeiden.
Dem stimme ich zum Teil nicht zu: Mein Plan löst zumindest das Problem, das (möglicherweise) den zweiten Vorfall ausgelöst hat, weil …
Wie berichtet, ist mein Plan 0,0 Promille für Kraftfahrzeuge.
“Motorrad gilt wie Auto, kein Alkohol. Fahrrad, hmm, ist eine gute Frage. Ja, das sollte ich auch so, behandeln,, hmm, schwierig … Ja, es ‘Wäre sinnvoll: es genauso zu behandeln, aber dann müsste ich als Fußgänger auch aufpassen, darf nicht volltrunken laufen.”
Aus meiner Sicht ist das Fahrrad der einzig strittige Punkt.
Aber am Ende bleibt doch immer ein gewisses (Rest-)Lebensrisiko, oder?

Und der letzte Punkt meiner E-Mail ist jetzt auch eine ganz passende Stelle, um diesen “epischen” Beitrag zu beenden.

Ich hoffe, dass aufgrund meiner Rückmeldung entweder die Mitarbeiter von TÜV Süd ihre Entscheidung noch einmal überdenken oder alternativ mir ihre Sicht der Dinge so darlegen, dass ich selbst etwas mehr Einsicht zeigen kann.

Deutlich wahrscheinlicher ist es wohl aber, dass ich jetzt erst mal meinen Führerschein abgeben und dann wieder vom Auto auf “mein schwarzes Fahrrad” umsteigen muss, was man ja zur Not auch positiv sehen kann:

Liebe Grüße aus dem Philosophenweg!
Michael Holzheu