Meine erste MPU: Stoisch bleiben!

Meine erste MPU ist ja bekanntermaßen (erst mal) negativ ausgefallen, was mich zeitweise doch wieder ziemlich gestresst hat. Bisher konnte ich mir einfach nicht vorstellen, für längere Zeit ohne Auto zu existieren.

In meiner Philosophiegruppe behandeln wir dann aber zum Glück den Stoizismus, worüber auf Wikpedia Folgendes zu lesen ist:

Für den Stoiker als Individuum gilt es, seinen Platz in [der] Ordnung zu erkennen und auszufüllen, indem er durch die Einübung emotionaler Selbstbeherrschung sein Los zu akzeptieren lernt und mit Hilfe von Gelassenheit und Seelenruhe (Ataraxie) nach Weisheit strebt.

Außerdem lese ich irgendwo noch über den Stoizismus, dass unsere Welt durch ihre Komplexität so voller Optionen sei, dass man mit genügend Kreativität eigentlich immer einen brauchbaren Ausweg finden kann.

Inhalt

Gerichtliches Vorgehen?
Korrespondenz TÜV Süd
Abstinenznachweise 
MPU Beratung
Leben ohne Führerschein
Leben ohne Alkohol
Neubeantragung Führerschein
Vorbereitung zweite MPU

Gerichtliches Vorgehen?

Statt mein Los vorschnell zu akzeptieren, lote ich also in diesem anderen Sinne erst mal mögliche Optionen aus. Ich schicke dem Anwalt Herrn E. meine Analyse und frage an, ob man da vielleicht juristisch etwas machen könne:

Der Rechtsexperte antwortet, …


… dass aus seiner Sicht ein juristisches Vorgehen sinnlos wäre, ich aber natürlich gegenüber dem Gutachter einen Anspruch auf ein korrektes fachgerechtes Gutachten hätte.

Sollte ich der Meinung sein, dass dies nicht erfolgt sei, könne ich eine Frist zur Nacherfüllung setzten. Sollte diese Nacherfüllung ebenfalls nicht erfolgen oder nicht zu meiner Zufriedenheit ausfallen, könne ich vom Vertrag zurücktreten und meine verauslagten Kosten zurückverlangen bzw. auch Schadenersatz wegen der fehlerhaften Leistung fordern.

Für ein juristisches Vorgehen gegen das Gutachten bestehe kein Anwaltszwang.

Er müsse mich allerdings darauf hinweisen, dass ich mit meiner Argumentation seiner Ansicht nach keine Chance auf ein positives Gutachten hätte.

Der Nachweis meines Trennungsvermögens erfordere hinsichtlich meiner eigegnen Überzeugung und der daraus resultierenden Argumentation noch umfangreiche fachliche Hilfe, wenn ich in absehbarer Zeit meine Fahrerlaubnis jemals wieder bekommen wolle.

Ansonsten gehe er nun davon aus, dass unsere Korrespondenz beendet sei.


Für die doch recht kühle Antwort von Herrn E. gibt es möglicherweise Gründe, auf die ich im letzten Teil der MPU-Reihe wahrscheinlich noch einmal zurückkommen werde.

Korrespondenz TÜV Süd

Mittlerweile kommt dann auch die Rückmeldung von TÜV Süd auf meine Analyse ihres aus meiner Sicht fehlerhaften MPU-Gutachtes. Leider wird von Frau A. S.-B. nur wenig auf meine Kommentare eingegangen. Stattdessen fällt die Antwort allgemein und sehr schwammig formuliert aus:


Die Fahreignungsuntersuchung und die damit verbundene fachliche Bewertung und Beurteilung orientiere sich an den Beurteilungskriterien 3. Auflage (Urteilsbildung in der Fahreignungsbegutachtung). Im Gutachten unter dem Kapitel “Fachliche Bewertung der Vorgeschichte und Voraussetzungen für eine günstige Prognose” würde ich hierzu eine fachliche Erläuterung (Gutachten Seite 3 und 4) finden.

Alle Befunde und auch die Bewertung meiner Angaben wären im Bewertungsteil des Gutachtens erläutert und dargestellt (Seite 14 bis 17).

Die Empfehlung sei es, wie im Gutachten auf Seite 17 und 18 beschreiben, Kontakt zu einem Verkehrspsychologen aufzunehmen, um die zugrundeliegende persönliche Problematik im Rahmen einer fachpsychologischen Beratung aufzuarbeiten.

Eine Fahreignungsuntersuchnung sei in der Regel wiederholbar, so dass ich die Möglichkeit habe, bei einer erneuten Untersuchung ein anderes Ergebnis zu erzielen.


Zur Begründung ihres Urteils gibt mir die Diplom-Psychologin immerhin einen Hinweis auf das Buch Urteilsbildung in der Fahreignungsbegutachtung. Offensichtlich wird dies benötigt, um ihre Argumentation nachvollziehen zu können.

Weil das Werk online nicht zur Verfügung steht und mir der Weg in die Bibliothek zu umständlich ist, bestelle ich für knapp 250 Euro den Wälzer zusammen mit dem dazugehörigen erklärenden Kommentar, …

… in dem ich bereits im Vorwort vielversprechende Adjektive, wie zum Beispiel “vergleichbar” und “objektiv” finde:

Weil mich die Antwort von Frau A. S.-B. in meinem Erkenntnisprozess nicht weitergebracht hat, fordere ich die Nacherfüllung der Leistung mit einer gesetzten Frist:

Zur Sicherheit schicke ich meinen Brief auch noch per Einschreiben mit Rückschein auf dem traditionell analogen Postweg:

Irgendwann kommt dann auch die zweite Antwort von TÜV Süd, dieses mal von der Gebietsleiterin A. H., die ebenfalls Diplom-Psychologin ist. Immerhin ist das Schreiben nun etwas konkreter, trotzdem kann es mich inhaltlich nicht in allen Punkten überzeugen:


Aufgrund meiner Vorgeschichte mit wiederholter Auffälligkeit unter Alkoholeinfluss sei davon auszugehen, dass ich nicht geeignet bin, ein Kraftfahrzeug so zu führen, dass ich mich und andere nicht gefährde.

Von Fahreignung könne erst dann wieder ausgegangen werden, wenn eine entsprechende Aufarbeitung der Vorgeschichte stattgefunden habe, so dass von Problemsicht und einer dauerhaften und stabilen Verhaltensänderung ausgegangen werden kann.

Dies sei bei mir noch nicht im erforderlichen Umfang der Fall.

Sie hätte aus meinem Schreiben entnommen, dass ich der Ansicht bin, dass meine beiden Auffälligkeiten Ausnahmen darstellen, die nie wieder Vorkommen.

Hierin sei sicherlich ein guter Vorsatz zu erkennen, der jedoch nicht als stabile Grundlage für eine erforderliche Verhaltensänderung allein ausreichend ist.

Vielmehr deute dies auf eine mangelnde Problemsicht hin, bezüglich meines äußerst kritischen Trinkverhaltens in der Vergangenheit. Einen Zusammenhang zwischen den Auffälligkeiten und dem Trinkverhalten nehmen ich nicht im erforderlichen Umfang wahr.

Desweiteren hätte ich im Untersuchungsgespräch nicht ausreichend konkret beschrieben, wie ich in Zukunft kontrolliert mit Alkohol umgehen wolle. Hierzu erforderliche Vermeidungsstrategien konnte ich bisher nicht entwickeln.

Auch wenn das Gutachten nicht meinen Erwartungen und Überzeugungen entsprechen würde, sei dieses dennoch fachlich korrekt, vollumfänglich verwertbar und mängelfrei.

Um die Chancen in einer neuerlichen Begutachtung verbessern, würden sie mir empfehlen, zur weiteren Aufarbeitung der Vorgeschichte und zur Herstellung stabiler Verhaltensänderungen fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.


Zumindest in einem Punkt bin ich eigentlich *sicher*, dass Frau H. irgendetwas übersehen haben muss: Ich hatte doch ganz genau beschrieben, wie ich mit Alkohol im Kontext des Straßenverkehrs in Zukunft umgehen möchte.

Also formuliere ich erneut eine Antwort zusammen mit der Frage, wo denn nun genau mein Denkfehler läge:

Abstinenznachweise

Man kann Abstinenznachweise für Alkohol entweder durch unangemeldete Urinproben oder durch geplante Haaranalysen erbringen.

Weil ich nicht sicher bin, ob ich in den nächsten Monaten durchgehend Zuhause sein werde, kommt für mich die wohl deutlich günstigere Pinkel-Variante leider nicht in Frage.

Bei der Haaranalyse kann über einen Zeitraum von maximal 3 Monaten eine Abstinenz nachgewiesen werden. Pro Monat wird dabei etwa ein Zentimeter Haarlänge benötigt.

Interessanterweise sind die Preisunterschiede bei den verschiedenen Anbietern drastisch, zum Beispiel verlangt TÜV Süd den doppelten Betrag wie eine entsprechende Einrichtung in Stuttgart.

Am 13. Mai 2022 steuere ich also ein letztes Mal eigenhändig meinen Peugeot Richtung Stuttgart zur Haaranalyse:

Weil mir gesagt wurde, dass das Ergebnis bei vorausgehendem hohen Alkhoholkonsum trotz Abstinenz negativ ausfallen könnte, beantrage ich zur Sicherheit gleich zwei Analysen, nämlich eine über zwei und eine über drei Monate:

Also werden aus meinen Haarschopf zwei mal zwei Proben entnommen und anschließend sauber verpackt:

Ich habe beim Aufklärungsgespräch in Stuttgart erfahren, dass die Haaranalyse bereits durch Konsum von alkoholhaltigen “normalen” Lebensmitteln positiv ausfallen kann. Deshalb überprüfe ich gleich mal meinem Kühlschrank …

… und finde tatsächlich auch einige “belastete” Leckereien, wie zum Beispiel “Russischen Zupfkuchen”, meine geliebten “Pfefferbeißer”, den gut dazu passendenden “Senf” oder alkoholfreies “Bier”, welches unter Umständen angeblich auch noch Restalkohol enthalten kann:

Weil es langsam wachsende oder abgestorbene Haare geben kann, die im Zweifel noch “historischen” Restalkohol enthalten, hat mir die nette Frau aus Stuttgart noch empfohlen, meinen Kopf kahl zu rasieren:

Eine Woche darauf trifft dann schon der Laborbefund ein, der gleich zweimal negativ ausfällt, juhu:

MPU Beratung

So wie es mir im Schreiben von TÜV Süd empfohlen wurde, suche ich dann die Verkehrspsychologin Frau R. für unseren ersten Termin auf:

In den Sitzungen lerne ich immer wieder mal neue Dinge, zum Beispiel dass Verkehrspsychologen Menschen bezüglich Alkohol in vier Kategorien einteilen, wobei mich Frau S.-B. wohl zwischen den Schubladen zwei und drei einsortiert hat, es also noch nicht ganz klar ist, ob bei mir eine dauerhafte Abstinenz zu fordern ist:

Außerdem sehe ich wieder das bekannte Eisbergmodell, welches behauptet, dass unter meinen zwei entdeckten Alkoholfahrten noch viel mehr schlummert. In Rot zeichne ich dann meine Sicht der Dinge ein:

Wir erstellen zusammen auch eine Konsumkurve mit einer sehr rudimentären Fehler-Ursachen-Analyse:

Bei der Psychologin kostet mich eine Stunde, welche interessanterweise als Heilbehandlung deklariert ist, dann 90 Euro in Bar.

Leben ohne Führerschein

Am 14. Mai 2022 packe feierlich meinen Führerschein in das Kuvert für das Landratsamt …

… und mein Peugeot wird schlafen gelegt, der sich dabei aber noch ein bisschen ziert:

Dann wird erst Mal auf das Fahrrad umgesattelt, …

… dem ich jetzt für den Alltag endlich einen Ständer spendiert habe, auf den ich bis jetzt u.A. wegen der Gewichtsreduzierung auf meinen Transalp-Touren immer verzichtet habe:

Ab und zu mache ich weitere Experimente mit alternativen Fortbewegungsmitteln, wie zum Beispiel diesem elektrischen Leihrad, das allerdings wegen der Vollgummibereifung die Wirbelsäule durch Erschütterungen nicht unerheblich belastet:

Wegen des fehlenden Autos verringert sich mein Aktionsradius auf das mit dem Fahrrad Machbare:

Am meisten fehlt mir meine Laufgruppe in Böblingen, was ich aber durch neue menschliche als auch mechanische Tennis-Freunde etwas kompensieren kann:

Für meine Mitbewohnerin ist der Verlust an Mobilität beinahe schlimmer als für mich:

Wir hatten nämlich wieder eine Tour nach Ostdeutschland geplant, um für Sie eine neue/alte Heimat zu finden. Das muss jetzt leider auf nächstes Jahr verschoben werden. Außerdem kann ich im Zweifel nun auch keine Krankenfahrten mehr für sie übernehmen.

Weil meine zwei Autos durch die Nichtbenutzung so langsam Standschäden bekommen, …

… überrede ich meinen Chor-Kollegen vom Bass, mit mir zusammen einen kleinen Ausflug zu unternehmen:

Und meine “Zweite Freundin von Nebenan” geht dann netterweise einmal mit meinen Peugeot “Gassi”:

Leben ohne Alkohol

Mittlerweile ist das Thema Alkohol fester Bestandteil meiner persönlichen Filterblase geworden und ich speichere mir entsprechende WhatsApp Witze, fotografiere auf Chorfahrten interessante Läden, …

… oder auch mal ein Plakat vom Erlanger Bergfest, …

… welches für mich übrigens sogar ohne Alkohol einigermaßen fröhlich über die Bühne geht:

Und auch auf dem Chornetzwerk-Wochenende traue ich mich ebenfalls ohne den enthemmenden Stoff zum feuchtfröhlichem Gesang der anderen im ehrwürdigen Gewölbekeller zu tanzen:

Mit meiner Verkehrspsychologin philosophiere ich immer wieder (auch kontrovers) über den Sinn und Zweck von Alkohol:

  • Auf den gleichen Level kommen (Party/Bergbier)
  • Sich mehr trauen (Tanzbier)
  • Gehirn ruhig bekommen (Feierabendbier)
  • Ärger und Probleme vergessen (Stressbier)
  • Rituale (Männergehabe)

Generell stelle ich fest, dass sich der Akoholverzicht (möglicherweise) positiv auf meinen Gemütszustand ausgewirkt hat. Selten habe ich einen so schönen Sommer erlebt wie diesen.

Allerdings ist eine genaue Zuordnung der wirklichen Ursache nicht ganz einfach, weil der Alkohol-Effekt von verschiedenen anderen günstigen Faktoren überlagert wird:

  • Weniger Stress durch Wegfall von …
    • Bauprojekt
    • Beziehung
  • Mehr Freude durch …
    • Musik
    • Tennissport

Auf alle Fälle meint meine Mitbewohnerin, dass ich in letzter Zeit irgendwie jünger und gesünder aussehen würde:

Neubeantragung Führerschein

Dann geht es an die Neubeantragung des Führerscheins, wofür ich teure und zeitaufwändige Belege, wie ein “Medizinisches Gutachten” oder einen “Großen Sehtest” organisieren muss:

Dann stelle ich beim Landratsamt den Antrag für den neuen Führerschein, …

… der komischerweise beim Bürgeramt eingeworfen werden muss:

Vorbereitung zweite MPU

Um mich für die zweite MPU anzumelden, bekomme ich vom Landratsamt dann wieder das Formular mit der Einverständniserklärung, um festzulegen, welche Stelle die Akten bekommen soll. Weil TÜV Süd aktuell eine Wartezeit von über 6 Wochen hat, wähle ich dieses Mal die IBBK Stuttgart aus:

Vorher mache ich aber natürlich noch meine zweite Haaranalyse, die sich inflationsbedingt von 80 Euro auf 90 Euro verteuert hat:

Schließlich überweise ich noch 702,10 Euro an die IBBK und am 29. August 2022 absolviere ich meine letzte Sitzung bei Frau R. wo wir zusammen die Strategie für meine zweite MPU festlegen. Hoffen wir mal, dass das jetzt auch klappt und es bei den bisher aufgelaufenen Kosten von 3160 Euro bleibt:

Auf alle Fälle übe ich mich jetzt in stoischer Gelassenheit und versuche dabei möglichst kreativ Alternativen zu nutzen, die mir das Leben so anbietet:

Viele Grüße aus dem Philosophenweg!

Michael Holzheu

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